Sternschanze Foto by Antonio Candela


Die Begegnung mit Ivon Villalobos


© by Antonio Candela

 

Als ich auf die Strasse ging, sah sie mir direkt in die Augen und grinste mich so an als ob Sie mich kennen würde. Ich erinnere mich nicht an sie. Sie lief mit ihrem kleinen Hund über den Fußweg. Normalerweise vermeide ich es, Frauen direkt zu betrachten. Sie mögen es nicht, sie fühlen sich angemacht, deshalb überraschte mich ihr Verhalten. Diesen Vormittag liess sich der Winter spüren.

 

„Kennen wir uns?“ fragte ich neugierig

„Ich bin nicht sicher, vielleicht“, antwortete sie.

„Ich bin Benjamin, Journalist“.

„Hab ich mir gedacht. Ich bin Ivon, Design-Studentin. Von irgendwo kenne ich Dich.“

Ich lief neben der jungen Frau, ohne mir irgendwelche Gedanken zu machen, aber überrascht von der Begegnung 

„Ich wohne in der vierten Etage“, sagte sie mir. Man konnte jeden Schritt im Treppenhaus hören. „Komm rein“. Sie lud mich ein, die Wohnung zu betreten. 

„Wohnst Du allein?“ fragte ich erneut.

„Ja. Einen Kaffee?

„Ja. Danke. Was hat Dich bewogen, mich bei Dir zuhause einzuladen?“ fragte ich neugierig.

„Einfach so“, antwortete sie sicher.

„Das überrascht mich“.

„Ich habe Dich beobachtet. Dein Blick vermittelt Einsamkeit“.

„Einsam sind viele von uns“.

„Wie lange bist Du in Hamburg?“

„Ein ganzes Leben“, erzähle ich ihr.

„Fühlst Du Dich noch einsam?“

„Seltsam, aber wahr“. Ich wollte nicht viel über mich erzählen. Ich kannte Ivon nicht. „Bist Du Latina?“ fragte ich.

„Meine Eltern. Ich bin hier geboren“. Ivon stand am Fernster und von da aus sprach sie zu mir. Ich betrachtete sie die ganze Zeit. Sie bemerkte es. „Irgendwelche Zweifel?“

„Wie lange bist Du allein?“ fragte ich sie.                     

 „Allein nicht, aber ohne festen Freund“.    

„Du bist sehr hübsch“. „Das verstehe ich nicht“, sagte ich und fügte hinzu: „Ich bin der Meinung, dass viele junge Leute Hemmungen haben, eine Beziehung einzugehen“.  „Vielleicht sind deine Erwartungen viel größer als die Realität oder du bist von unbegründeten Unsicherheiten beherrscht“.

„Viele erscheinen mir oberflächlich“. Sie blieb am Fenster und der Lärm der S-Bahn war zu hören. Die Zeit verging und kurz danach unterbrach ich das Gespräch.   

„Ich muss los. Ich habe einen Termin und möchte ihn nicht verpassen. Was meinst Du, wenn wir uns heute Abend treffen?“ fragte ich mit einer gewissen Hoffnung, sie wieder zu sehen.

„Ich weiß nicht ob ich Dich wieder sehen will“, antwortete sie direkt. Mich überkam ein  Gefühl der Ablehnung .

„Wie Du willst. Ich muss sowieso hier vorbeikommen. Vielleicht klingel ich  bei Dir“.

„Ich weiß nicht ob ich dann zu Hause bin.“

„Wenn nicht, ist auch in Ordnung. Danke für den Kaffee.“

 

Ich wartete bei der S-Bahn, versunken in den Gedanken an die Begegnung mit Ivon und beschloss, auf dem Rückweg bei ihr zu klingeln.

 

„Wen suchen Sie?“ fragte mich eine Frau durch den Lautsprecher.

„Ivon Villalobos.“

„Ah! Die Latina. Sie ist seit langem umgezogen. Die Wohnung ist zu vermieten. Wollen Sie sie mieten?“

 

Der Lärm der Strasse war unerträglich, ich ging mit der Erinnerung an diese seltsame  Begegnung.



20.12.2017 Hamburg Deutschland




Die Begegnung mit  Ivon Villalobos (II)

 

März 2018   © By Antonio Candela

                                  

Der Flug Paris-Hamburg dauerte kaum ein paar Stunden, dann landeten wir. Ich hatte meinen Flug in Quito verpasst und hatte auf den nächsten warten müssen.

 

Hinter mir ließ ich den Sommer, der nicht anders als vorige gewesen war, als ich in Richtung Paris über den Atlantik flog.  

 

Als ich in Paris landete, gab ich dem Beamten meinen Pass, der aufgrund seines Alters schon diverse Nutzungsspuren aufwies. Hinter jedem Stempel in meinem Pass verbargen sich Geschichten, die der Grund waren, warum ich mich nicht von meinem Pass nicht trennen wollte.

 

Noch an dem Vormittag vor meiner Reise nach Quito wollte sie mich im „La Tiendecita Blanca“ treffen. Ich wartete bereits seit mehreren Minuten auf sie. Ich musste mich wieder an das Zeitverständnis der Leute anpassen. Ich vermutete, dass  hinter ihrer Verspätung etwas anderes verborgen war. Eine Spielart, die ich im Laufe der Jahre vergessen hatte. Ich musste vorsichtig sein mit dem, was ich sagte, vor allem durfte ich nicht so direkt sein. Die Leute mögen das nicht. Von meinem Stuhl aus sah ich sie kommen. Sie war sehr elegant gekleidet. Für mich zählte ihre Arbeit, und nicht ihre Kleidung. Trotzdem, ihre Erscheinung beeindruckte mich sehr. Wieder dachte ich daran, dass ihre Verspätung Absicht war, um zu erfahren ob ich Interesse an ihrer Person hätte. Mehr als nur das Interesse an unserer Arbeit.

 

„Café?“

„Sí, gracias. Por favor.“

 

Kurz darauf kam die Kellnerin mit Kaffee und Brötchen. Mich überkam das Gefühl, als wiederholte sich der Vormittag, an dem María, Robles, Ricardo und ich vor vierzig Jahren in dem selben Café gesessen hatten, um zu frühstücken. Damals war ich war siebzehn Jahre alt. Ich war der Jüngste und der Enthusiastischste von allen bezüglich unseres Vorhabens, Filme zu drehen. María war gerade aus Paris angekommen. Sie war zwanzig. Sie erzählte, dass sie in Paris ein Filmstudium machte. Damals hatte ich nicht vor, eine Reise nach Paris zu unternehmen. Es lag nicht einmal in meiner Absicht, unser Stadtzentrum zu besuchen. Meine Welt war Miraflores. Seine Straßen, meine Freunde und Filme zu machen. An jenem Vormittag wollten wir Häuserfassaden und Haustüren von Miraflores filmen. Ich war eine Art Gehilfe des Kameramannes. Tragen, aber nicht filmen.

 

Während ich Kaffee trank, kam mir der Gedanke, dass die Zeit die wichtigen Geschehen in unserem Leben tief in sich verbirgt, und sie ganz plötzlich wieder lebendig erscheinen lassen sein konnte. Ich hörte sogar noch ihre Stimmen.

 

„Sie sind mit Ihren Gedanken woanders“, unterbrach sie mich.

„Verzeihen Sie. Die Jahre vergehen, und plötzlich sind sie wieder da.“

„Was meinen Sie damit?“

„Vor vierzig Jahren war ich hier mit ein paar Freunden, Filmemachern.“

„ Sie müssen damals sehr jung gewesen sein.“

„ Ich war siebzehn.“

„ Haben Sie die Leute seitdem wieder gesehen?“

„Ja, ein paar Mal, aber dann nicht mehr. Es waren seltsame Begegnungen.“

„ Aber Sie erinnern sich an diese Augenblicke.“

„ Sehr deutlich.“

„ Waren die anderen Peruaner?“

„Einige. Robles war ein peruanischer New Yorker. Ein eher trockener Typ. Er hat mich einige Wochen im Drehen von Filmen unterrichtet. Er war sozusagen mein Lehrer. María war halbe Französin. Wir trafen uns, solange die Dreharbeiten dauerten, dann nicht mehr. Ich weiß nicht, was aus ihr geworden ist. Von Robles weiß ich, dass er vor ein paar Jahren gestorben ist. Er hat mehrere Spielfilme gedreht und ist berühmt geworden.“

„Seltsam. Sie wollen, dass ich an denselben Orten von damals drehen  soll.“

„Sie sollen die Fassaden, die alten Türen und vielleicht die Quintas filmen. Ich brauche nicht mehr als 20 Minuten Filmmaterial. Ich glaube nicht, dass Sie die alten Fassaden wiederfinden; viele von ihnen existieren nicht mehr. Sie wurden durch Hochhäuser ersetzt. Aber vielleicht werden Sie doch noch fündig.“

„Einige Wasserquellen sind nicht mehr da, und die Straßen haben sich verändert. Abends herrscht  eine seltsame Stille.“

„In vielen Vororten herrscht Stille. Bitte drehen Sie am Vormittag.“

„Die erste Aufnahme werde ich Ihnen per e-mail schicken.“

„Ich werde warten. Nehmen Sie noch einen Kaffee.“

„Nein, danke.“

„ Also, wir bleiben in Verbindung.“

 

Ich hatte das Gefühl, sie in Hamburg irgendwo gesehen zu haben. Aber sie sagte, sie sei  nie in Deutschland gewesen.

   

 

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