Sternschanze Hamburg

Sternschanze Foto by Antonio Candela


Die Begegnung mit Ivon Villalobos (I)

  

© by Antonio Candela

 

Als ich auf die Strasse ging, sah sie mir direkt in die Augen und grinste mich so an als ob Sie mich kennen würde. Ich erinnere mich nicht an sie. Sie lief mit ihrem kleinen Hund über den Fußweg. Normalerweise vermeide ich es, Frauen direkt zu betrachten. Sie mögen es nicht, sie fühlen sich angemacht, deshalb überraschte mich ihr Verhalten. Diesen Vormittag liess sich der Winter spüren.

 

„Kennen wir uns?“ fragte ich neugierig

„Ich bin nicht sicher, vielleicht“, antwortete sie.

„Ich bin Benjamin, Journalist“.

„Hab ich mir gedacht. Ich bin Ivon, Design-Studentin. Von irgendwo kenne ich Dich.“

Ich lief neben der jungen Frau, ohne mir irgendwelche Gedanken zu machen, aber überrascht von der Begegnung 

„Ich wohne in der vierten Etage“, sagte sie mir. Man konnte jeden Schritt im Treppenhaus hören. „Komm rein“. Sie lud mich ein, die Wohnung zu betreten. 

„Wohnst Du allein?“ fragte ich erneut.

„Ja. Einen Kaffee?

„Ja. Danke. Was hat Dich bewogen, mich bei Dir zuhause einzuladen?“ fragte ich neugierig.

„Einfach so“, antwortete sie sicher.

„Das überrascht mich“.

„Ich habe Dich beobachtet. Dein Blick vermittelt Einsamkeit“.

„Einsam sind viele von uns“.

„Wie lange bist Du in Hamburg?“

„Ein ganzes Leben“, erzähle ich ihr.

„Fühlst Du Dich noch einsam?“

„Seltsam, aber wahr“. Ich wollte nicht viel über mich erzählen. Ich kannte Ivon nicht. „Bist Du Latina?“ fragte ich.

„Meine Eltern. Ich bin hier geboren“. Ivon stand am Fernster und von da aus sprach sie zu mir. Ich betrachtete sie die ganze Zeit. Sie bemerkte es. „Irgendwelche Zweifel?“

„Wie lange bist Du allein?“ fragte ich sie.                     

 „Allein nicht, aber ohne festen Freund“.    

„Du bist sehr hübsch“. „Das verstehe ich nicht“, sagte ich und fügte hinzu: „Ich bin der Meinung, dass viele junge Leute Hemmungen haben, eine Beziehung einzugehen“.  „Vielleicht sind deine Erwartungen viel größer als die Realität oder du bist von unbegründeten Unsicherheiten beherrscht“.

„Viele erscheinen mir oberflächlich“. Sie blieb am Fenster und der Lärm der S-Bahn war zu hören. Die Zeit verging und kurz danach unterbrach ich das Gespräch.   

„Ich muss los. Ich habe einen Termin und möchte ihn nicht verpassen. Was meinst Du, wenn wir uns heute Abend treffen?“ fragte ich mit einer gewissen Hoffnung, sie wieder zu sehen.

„Ich weiß nicht ob ich Dich wieder sehen will“, antwortete sie direkt. Mich überkam ein  Gefühl der Ablehnung .

„Wie Du willst. Ich muss sowieso hier vorbeikommen. Vielleicht klingel ich  bei Dir“.

„Ich weiß nicht ob ich dann zu Hause bin.“

„Wenn nicht, ist auch in Ordnung. Danke für den Kaffee.“

 

Ich wartete bei der S-Bahn, versunken in den Gedanken an die Begegnung mit Ivon und beschloss, auf dem Rückweg bei ihr zu klingeln.

 

„Wen suchen Sie?“ fragte mich eine Frau durch den Lautsprecher.

„Ivon Villalobos.“

„Ah! Die Latina. Sie ist seit langem umgezogen. Die Wohnung ist zu vermieten. Wollen Sie sie mieten?“

 

Der Lärm der Strasse war unerträglich, ich ging mit der Erinnerung an diese seltsame  Begegnung.


20.12.2017 Hamburg Deutschland


                                                      Barcelona España


Die Begegnung mit  Ivon Villalobos (II)

März 2018   © By Antonio Candela

                                  

Der Flug Paris-Hamburg dauerte kaum ein paar Stunden, dann landeten wir. Ich hatte meinen Flug in Quito verpasst und hatte auf den nächsten warten müssen.

 

Hinter mir ließ ich den Sommer, der nicht anders als vorige gewesen war, als ich in Richtung Paris über den Atlantik flog.  

 

Als ich in Paris landete, gab ich dem Beamten meinen Pass, der aufgrund seines Alters schon diverse Nutzungsspuren aufwies. Hinter jedem Stempel in meinem Pass verbargen sich Geschichten, die der Grund waren, warum ich mich nicht von meinem Pass nicht trennen wollte.

 

Noch an dem Vormittag vor meiner Reise nach Quito wollte sie mich im „La Tiendecita Blanca“ treffen. Ich wartete bereits seit mehreren Minuten auf sie. Ich musste mich wieder an das Zeitverständnis der Leute anpassen. Ich vermutete, dass  hinter ihrer Verspätung etwas anderes verborgen war. Eine Spielart, die ich im Laufe der Jahre vergessen hatte. Ich musste vorsichtig sein mit dem, was ich sagte, vor allem durfte ich nicht so direkt sein. Die Leute mögen das nicht. Von meinem Stuhl aus sah ich sie kommen. Sie war sehr elegant gekleidet. Für mich zählte ihre Arbeit, und nicht ihre Kleidung. Trotzdem, ihre Erscheinung beeindruckte mich sehr. Wieder dachte ich daran, dass ihre Verspätung Absicht war, um zu erfahren ob ich Interesse an ihrer Person hätte. Mehr als nur das Interesse an unserer Arbeit.

 

„Café?“

„Sí, gracias. Por favor.“

 

Kurz darauf kam die Kellnerin mit Kaffee und Brötchen. Mich überkam das Gefühl, als wiederholte sich der Vormittag, an dem María, Robles, Ricardo und ich vor vierzig Jahren in dem selben Café gesessen hatten, um zu frühstücken. Damals war ich war siebzehn Jahre alt. Ich war der Jüngste und der Enthusiastischste von allen bezüglich unseres Vorhabens, Filme zu drehen. María war gerade aus Paris angekommen. Sie war zwanzig. Sie erzählte, dass sie in Paris ein Filmstudium machte. Damals hatte ich nicht vor, eine Reise nach Paris zu unternehmen. Es lag nicht einmal in meiner Absicht, unser Stadtzentrum zu besuchen. Meine Welt war Miraflores. Seine Straßen, meine Freunde und Filme zu machen. An jenem Vormittag wollten wir Häuserfassaden und Haustüren von Miraflores filmen. Ich war eine Art Gehilfe des Kameramannes. Tragen, aber nicht filmen.

 

Während ich Kaffee trank, kam mir der Gedanke, dass die Zeit die wichtigen Geschehen in unserem Leben tief in sich verbirgt, und sie ganz plötzlich wieder lebendig erscheinen lassen sein konnte. Ich hörte sogar noch ihre Stimmen.

 

„Sie sind mit Ihren Gedanken woanders“, unterbrach sie mich.

„Verzeihen Sie. Die Jahre vergehen, und plötzlich sind sie wieder da.“

„Was meinen Sie damit?“

„Vor vierzig Jahren war ich hier mit ein paar Freunden, Filmemachern.“

„ Sie müssen damals sehr jung gewesen sein.“

„ Ich war siebzehn.“

„ Haben Sie die Leute seitdem wieder gesehen?“

„Ja, ein paar Mal, aber dann nicht mehr. Es waren seltsame Begegnungen.“

„ Aber Sie erinnern sich an diese Augenblicke.“

„ Sehr deutlich.“

„ Waren die anderen Peruaner?“

„Einige. Robles war ein peruanischer New Yorker. Ein eher trockener Typ. Er hat mich einige Wochen im Drehen von Filmen unterrichtet. Er war sozusagen mein Lehrer. María war halbe Französin. Wir trafen uns, solange die Dreharbeiten dauerten, dann nicht mehr. Ich weiß nicht, was aus ihr geworden ist. Von Robles weiß ich, dass er vor ein paar Jahren gestorben ist. Er hat mehrere Spielfilme gedreht und ist berühmt geworden.“

„Seltsam. Sie wollen, dass ich an denselben Orten von damals drehen  soll.“

„Sie sollen die Fassaden, die alten Türen und vielleicht die Quintas filmen. Ich brauche nicht mehr als 20 Minuten Filmmaterial. Ich glaube nicht, dass Sie die alten Fassaden wiederfinden; viele von ihnen existieren nicht mehr. Sie wurden durch Hochhäuser ersetzt. Aber vielleicht werden Sie doch noch fündig.“

„Einige Wasserquellen sind nicht mehr da, und die Straßen haben sich verändert. Abends herrscht  eine seltsame Stille.“

„In vielen Vororten herrscht Stille. Bitte drehen Sie am Vormittag.“

„Die erste Aufnahme werde ich Ihnen per e-mail schicken.“

„Ich werde warten. Nehmen Sie noch einen Kaffee.“

„Nein, danke.“

„ Also, wir bleiben in Verbindung.“

 

Ich hatte das Gefühl, sie in Hamburg irgendwo gesehen zu haben. Aber sie sagte, sie sei  nie in Deutschland gewesen.




Winterhude Hamburg

Hamburg


Winterhude


Winterhude



Die Begegnung mit Ivon Villalobos (III)

Mai 2018   © By Antonio Candela


„Sind Sie Journalist?“ fragte die Frau.

„Vor allem Fotograf. Meine Arbeit ist vor allem, Frauen zu fotografieren.“

„Für Mode... Ich verstehe...“

„Nein, bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Es sind Aufnahmen von Frauen bei der Arbeit, sei es in der Stadt oder auf  dem Land.“

„Was meinen Sie? Das finde ich interessant.“

„Zum Beispiel beim Unterricht. Sie sind Lehrerin, nicht wahr? Oder ich mache Aufnahmen von Bäuerinnen“. 

„Ja, ich bin Lehrerin, aber ich mag nicht fotografiert werden“.

„Selbstverständlich mache ich es nur mit Ihrem Einverständnis“.    

„Ich glaube wir landen bald. Der Flug  hatte Verspätung“.

„Ja, in einigen Minuten. Ich denke auch. Ich hoffe ich sehe Sie wieder“.

„Kommen Sie nach Schleswig Holstein, nach Flensburg“.

„Da ist es mir zu kalt. Das ist zu dicht an Ost- und Nordsee. Da herrscht die ewige Kälte“.

„Glauben Sie mir, Sie irren sich, wir haben bald Sommer und die Stadt ist sehr schön.

„Für Sie sicherlich, weil Sie da geboren sind. Sie sind an diese Kälte gewöhnt Außerdem darf ich Sie nicht fotografieren“...

„Ein paar Fotos werde ich erlauben, aber nicht mehr“. Sie lächelte ihn an.

„Ich komme gerne, sobald  die Sonne scheint. Sind Sie einverstanden?“.

„Was soll ich sagen. Wenn Sie im Sommer kommen wollen, werde ich auf Sie warten“.

„ Sind Sie verheiratet?“

„Nein. Ich habe mich von meinem Mann getrennt. Ich glaube, wir müssen aussteigen“.

„Schon lange?“

„Seit ein paar Jahren. Und Sie?“

„Seit mehreren Jahren. Wartet jemand auf Sie?“

„Ja mein Ex-Mann. Er fährt mich nach Flensburg. Wir sind gute Freunde geblieben“.

„Bei mir es ist so, meine Frau hat einen anderen Mann, aber Sie will sich nicht von mir scheiden lassen“.

„Und wartet auf Sie?

„Meine Frau?. Sie ist Autofahrerin, ich nicht. Dieses Mal habe ich mein ganzes Equipment dabei“.

„Und Ihre Frau holt Sie ab...“

„Ich habe Sie darum gebeten“.

      „Warum sagen Sie nicht die Wahrheit? Sie sind verheiratet“.

      „Ist das so wichtig?“

      „Für mich schon“.

      „Ich glaube müssen wir uns schon trennen. Hier haben sie schon meine Visitenkarte. Schreiben Sie mir, wenn sie einverstanden sind, besuche ich Sie. Das mache ich gerne“.

      „Ich werde es mir überlegen“...

 

Die Frau schrieb ihm mehrmals, aber ohne ihn um einen Besuch zu bitten. Sie erzählte über ihre tägliche Arbeit in der Schule, mehr nicht. Er tat dasselbe, bis er irgendwann nichts mehr von ihr hörte. Es vergingen mehr als zehn Jahre, bis sie sich erneut begegneten. Er trank seinen Kaffe aus, stand auf und verliess das Café Richtung Bahnhof, der an diesem Morgen sehr leer war. Er sass am Ende des Waggons und trennte sich von einigen  Briefen der Frau.

Als er vor seiner Wohnungstür stand, entdeckte er einen Zettel, „Ich schreibe Ihnen wieder.“ Er war überrascht und wurde nachdenklich. Später am Abend klingelte es an seiner Tür. Es war die Lehrerin aus Flensburg.

 

                „Was für eine Überraschung“ empfing er die Frau.

                „Ich bin für ein paar Tage in Hamburg. Ich kenne niemanden in der Stadt und hatte Ihre Visitenkarte bei mir. Ich sagte mir: warum nicht?“

                „ Kommen Sie bitte rein“.

                „Störe ich nicht?“

                „Nein, bitte.“

               

Beide sassen sich gegenüber. Er erfuhr, dass sie ihm mehrere Male geschrieben hatte, aber von ihm kam keine Antwort. Er erzählte dasselbe.

                „Etwas zu trinken?“ bot er an.                

                „ Danke“

                „ Sind sie immer noch mit ihrem Man befreundet?“

                „ Er starb vor einigen Jahren bei einem Autounfall“

                „ Oh! Das tut mir leid“. Wieder geheiratet?“

                „Nein. Die Schule ist mir wichtiger. Ich habe ein Seminar in Hamburg. Und Sie? Sind sie wieder mit ihrer Frau zusammen? 

                „Nein. Wir sind geschieden. Ich arbeite immer noch als Reporter und verreise öfter“.  

                „Wie gut, das hätte ich auch gerne“.

                „Noch einen Drink?“

                „Bitte, den brauche ich.“

 

Am nächsten Morgen stand er auf. Er kam ins Wohnzimmer hinein und bemerkte, dass die Frau nicht mehr da war. Die Bettdecke lag auf den Sofa, genau wie am Abend. Auf den Tisch war nur sein Glas und eine Flasche. In der Küche klebte ein Zettel am Schrank: „Ich schreibe wieder“. Von der Frau hörte er nie wieder etwas.

   

Altona













Die Begegnung mit Ivon Villalobos (IV)

© H. Antonio Candela

 

Der Doktor „Liegen Sie sich bitte hin, entspannen Sie sich, atmen Sie tief und lassen Sie ihre Arme ganz locker. Fühlen Sie sich bequem?“

 

Don Manuel „Ja Doktor. Ich fühle mich sehr bequem“  

 

Der Doktor „Also, jetzt schließen Sie bitte Ihre Augen und denken Sie  zurück an ihre Kindheit, denken Sie bitte ganz zurück. Konzentrieren Sie sich, atmen Sie tief ein und aus, machen Sie eine kleine Pause und bleiben Sie ganz ruhig. Atmen sie normal. Sie werden schlafen.“

   

Der Doktor dreht sich einen  Augenblick zu seiner Assistentin Frau Müller um.

   

Der Doktor „Haben Sie ihm die Medikamente gegeben?“

 

Frau Müller „Ja Doktor. Ich habe die Tropfen hinein getan. Er schläft bereits.“     

 

Der Doktor „Lassen wir ihn sprechen. Mal hören, was er uns erzählt. Es ist schon die dritte Sitzung, die wir mit ihm haben und ich komme zu  keinem Ergebnis.“  

 

Frau Müller „Er erzählt viel, kommt aber zu keinem Ende.“       

   

Don Manuel beginnt zu sprechen.

   

Don Manuel „Es ist Nachmittag, die Sonne scheint, ich laufe eine enge und helle Straße entlang. Sie hat kein Ende, die hohen Palmen bewegen sich wie alte Männer, langsam, von links nach rechts oder von rechts nach links. Der Wind ist nicht so stark, trotzdem bilden sich Staubwirbel, die sich an den Seiten der Straße bewegen. Der Himmel ist blau und offen, es gibt keine Wolken. Es herrscht eine seltsame Stille, nur aus der Ferne hört man Stimmen, als ob sie auf mich warteten.“          

              

Der Doktor „Wie alt sind Sie?“

 

Don Manuel „Ich bin fünfzehn Jahre alt.“

 

Der Doktor „Gibt es noch jemanden?“       

 

Don Manuel „Nein, es gibt niemanden. Warten Sie! Doch, ich sehe mehrere Frauen mit langen Röcken, aber sie sind nur durchsichtige Schatten. Ich versuche, mich den Frauen zu nähern, aber es geht nicht, als ob es eine durchsichtige Barriere geben würde, um dies zu verhindern.  Diese Barriere trennt mich von ihnen. Alles ist düster und ich laufe ziellos hin und her.“  

 

Der Doktor „Erinnern Sie sich weiter, jetzt sind Sie älter. Was sehen Sie jetzt? Wie alt sind Sie?“

 

Don Manuel „Ich bin zwanzig Jahre alt. Ich bin im Haus einer älteren Frau. Sie wohnt in einer alten Villa an der Alster. Ich wohne bei ihr in einem kleinen Zimmer. Draußen hat es angefangen, in Strömen zu regnen. Ich habe Sie bei einer Kunstausstellung kennen gelernt.  Wir trinken einen Kaffee zusammen. Ihr Wohnzimmer ist von ihrem Parfum geprägt. Sie zeigt mir ihre großen Bilder, die an der Wand hängen. Während sie über die Bedeutungen der Bilder redet, raucht sie viel. Sie rückt dichter an mich heran. Sie beeindruckt mich sehr aber ich bin wie gelähmt. Es könnte etwas schief gehen und ich will nichts Falsches tun.“

 

Der Doktor „Passiert das immer bei Ihnen? Sehr unsicher zu sein, wenn Sie einer Frau begegnen und sich die Möglichkeit stellt, etwas anzufangen, aber letztendlich passiert nichts und nachher beherrscht Sie das Gefühl, etwas verpasst zu haben?.“

 

Don Manuel „Ja. Ich kann ihr nicht direkt in die Augen schauen.“

 

Der Doktor „Frau Müller, bitte geben sie ihm noch eine Spritze. Ich hoff,e dieses Mal komme ich zu einer Diagnose. Was ist ihre Meinung?“     

             

Frau Müller „Ich denke, dass Herr Manuel Angst vor Frauen hat. Er kommt nicht zurecht. Er hat Angst vor einem Misserfolg.“

 

Der Doktor „Beziehen Sie sich auf seine Sexualität?“

        

Frau Müller „Auf jeden Fall! Und dieses Verhalten begleitet ihn immer, nach so vielen Jahren, seit seiner Jugend.“

 

Der Doktor „Don Manuel, können Sie mich hören?“    

 

Don Manuel „Ja Doktor.“  

 

Der Doktor „Wo befinden Sie sich jetzt?“

 

Don Manuel „Immer noch im Wohnzimmer der Frau. Jemand hat an der Tür geklingelt. Ich höre Stimmen. Es sind Handwerker, die etwas reparieren müssen.“

 

Der Doktor „Schlafen Sie weiter.“

 

Don Manuel „Die Handwerker sind schon weggegangen. Ich bin wieder allein mit der Frau.

Nach einem kurzen Gespräch bin ich wieder in meinem Zimmer. Ich lese jetzt Die Kunst der Liebe…“

 

Frau Müller „Doktor, Don Manuel wacht nicht auf?“

 

Der Doktor „Er liest. Lasen Sie ihm weiter lesen.“



Die Begegnung mit Ivon Villalobos (VI)

© H. Antonio Candela

 

Er hatte sie wieder in der Bar getroffen, wie bereits mehrere Male zuvor, aber jedes Mal wiederholte sich dieselbe Prozedur. Sie sprachen, ohne ihre Gefühle zu zeigen, ihre Gespräche waren wie ein kalkuliertes Kennenlernen. Sie hatte ihm nicht verraten, dass sie mit einem anderen Mann befreundet war und sich von ihm trennen wollte. Er ahnte, dass sie etwas verschwieg, vermied es aber, Fragen zu stellen, damit er ihr kein Motiv gab, sie am Ende nicht wieder zu sehen. Sie kannten sich nur oberflächlich, trotz ihrer Mittagstreffen in der Bar.  

 

Es war mittags als er aus dem Büro rauskam, um sein beliebte Bar zu besuchen. Die Bar war voll und der einzige freie Platz war ihr gegenüber. Er nahm Platz, doch  sie wechselten kaum ein paar Worte.

 

Eine Woche später sah er sie wieder in der Bar und nahm am Tresen Platz. Er grüßte sie. Sie erwiderte dies mit einem kurzen Lächeln. Er nutze diesen Augenblick und setzte sich neben sie. Die Unterhaltung lief schleppend, doch seit diesem Mittag trafen sie sich häufiger.

              „Wie Sie mir erzählten, waren Sie in Madrid. Ich habe Sie in den letzten Monate nicht mehr gesehen“.   

          „ Ja, das war wegen meiner Arbeit. Ich war fast zwei Monate dort. Ich wollte auch eine Künstlerin besuchen und habe die Gelegenheit genutzt“.

            „Kennen Sie sich schon lange?“

            „Nein. In Berlin habe ich sie das erste Mal gesehen und hatte ihr versprochen, sie zu besuchen, wenn ich  nach Madrid komme. Es hat mich sehr gefreut, weil ich dort auch sehr interessante Leute kennen gelernt habe“.

            „Interessieren Sie sich für Kunst?“. 

            „In allgemeinen schon, aber meine Arbeit lässt mir nicht viel Zeit. Ich habe sie besucht, weil unser Gespräch  mich beeindruckt hat, außerdem mag ich Spanien. Waren Sie schon einmal dort?“

            „Na ja, vor allem im Sommer auf den kanarischen Inseln 

           „Also,  ich muss jetzt wieder ins Büro. Kommen Sie morgen wieder?“

            „Ja, ich komme wieder“.   

         „Dann bis morgen.“ Er hatte ihr nicht gesagt, was er vorhatte: sie ins Theater einzuladen.   

Am nächsten Tag war er in der Bar, aber sie kam nicht. Die Tage vergingen und sie kam nicht. So vergingen die Tage und Wochen. Er hatte nicht nach ihrer Telefonnummer gefragt. Trotz allem kam er wie gewöhnlich in die Bar.

 

Er war wieder in Spanien, traf die Künstlerin und ihre Bekannten.

 

Er ahnte, dass er sie nie wieder sehen würde, begleitet von dem Gefühl, etwas verpasst zu haben. Er fragte einen den Kellner nach ihr, ob er wüsste ob sie am Abend in die Bar kommen würde. Die Antwort war negativ. Die Zeit verging, der Winter empfing ihn, als er die Bar verliess. Das Einzige, was ihm von ihr in Erinnerung kam, waren ihre Stimme, ihr Lächeln und ihr intensives Parfum, aber auch die Momente, in denen er zahlen wollte, sie aber ablehnte.

 

Ihre Abwesenheit, die Sehnsucht nach ihr quälten ihn. Er rauchte eine Zigarette nach der anderen und trank, was er in seiner improvisierten Bar in seiner Wohnung fand.

 

Er war zurück in seiner Routine: Büro, Arbeit, die Bar und die Fahrt nach Hause. Er hatte sich daran gewöhnt, allein zu leben, sein Urlaubsprogramm zu organisieren und sein tägliches morgendliches Joggen. Er telefonierte nie, er hatte keinen Freund in der Stadt, nur bekannte Gesichter vom Joggen. Ihn interessierten keine Nachrichten oder andere Neuigkeiten.

 

Das Nichtstun am Abend langweilte ihn. Er spürte die Leere in seinem  Inneren, in seinem Dasein. Briefe bekam er nicht, auch nicht von seiner Familie aus seiner Heimat.

 

War es sein Desinteresse an allem, dass sie Distanz zu ihm suchte? Oder war die Künstlerin aus Spanien der Grund, dass sie ihn nicht wieder sehen wollte? Dies fragte er sich immer wieder, um zu verstehen, warum sie nicht mehr in die Bar kam.

 

Es war Sonntagvormittag, als er sich vornahm, an der Alster spazieren zu gehen. Der Tag war kalt, die Sonne schien. In mehreren Häusern konnte man Weihnachtbäume sehen, die auch das kommende neue Jahr ankündigten. Er nahm auf einer Bank Platz, um das Panorama zu betrachten. Er konnte sich nicht erklären, was mit ihr los war. So einfach verschwunden, ohne etwas zu sagen oder sich von ihm zu verabschieden. Sie hatten sich oft in der Bar getroffen, ihre Gespräche waren nicht so ernst oder tief gewesen, aber sie kam regelmäßig. Er hatte auch keine Erklärung, warum er nicht nach ihrer Adresse oder Telefonnummer gefragt hatte.

Er hatte gewünscht, dass sie es selber tat, aber dazu kam es nicht. War er verliebt in eine Frau, die er nicht kannte? Wenn ja, warum hat er ihr nichts gesagt? Die Kälte zwang ihn, nach Hause zurück zu gehen.

 

An diesem Abend hatte es viel geschneit, als Manuel die Bar betrat. Der Barmann überraschte ihn mit einer Nachricht

„ Ja, ich habe sie gesehen, sie war in Begleitung von einem älteren Mann.“

„Danke für ihre Information“.       

 

Am nächsten Tag kam ein älterer Mann auf ihn zu, als Manuel die Bar verlassen wollte.

 

„Einen Moment bitte. Sind Sie Manuel?“ fragte der Mann um schaute ihm direkt in  die Augen

„Ja, warum?“ antwortete Manuel etwas überrascht.

„Bitte, bleiben sie kurz. Kennen Sie Frau Gutierrez?“

„Nein, ich weiss nicht, wer Frau Gutierrez ist.“

„Na ja, Sie haben sich hier in dieser Bar öfter getroffen.“

„Ah, meinen Sie vielleicht Rosa? Heißt sie Rosa Gutierrez? Ich kenne ihren vollen Name nicht. Es ist schon lange her, dass ich sie in der Bar gesehen habe“.

„Ja, sie heisst Rosa Gutierrez. Ich bin von der Kriminalpolizei. Frau Gutierrez war im Gefängnis, unter dem Verdacht, ihren Partner umgebracht zu haben. Nach unseren Untersuchungen kamen wir zu dem Ergebnis, dass es ein Unfall war. Dies alles hat  eine Menge Zeit gekostet. Frau Gutierrez hat viel gelitten. Sie wollte sich von ihrem Partner trennen, es gab eine heftige Diskussion und der Mann ist vom Balkon gesprungen. Frau Gutierrez will in ihr Land zurückkehren und hatte mich darum gebeten, sie hier in diese Bar zu begleiten. Sie hat niemanden in der Stadt. Es scheint mir, dass sie sich von dieser Bar verabschieden wollte und sie sprach von Ihnen“, erzählte der Beamter, ohne seinen  Blick von Manuel zu lassen. „Kannten Sie ihren Partner?“

„Nein. Ich wusste nicht, dass sie einen Partner hatte. Wo ist sie jetzt?“ fragte Manuel.        

„Richtung Flughafen, heute Abend fliegt sie in ihre Heimat.“

„Es tut mir leid, aber ich muss mich beeilen, ich möchte sie sehen“. 

            „Ich hoffe, Sie erreichen sie noch, es hat viel geschneit und einige Strassen sind gesperrt. Wo kann ich Sie finden? Ich hätte noch ein paar Fragen an Sie“. Manuel gab dem Mann seine Visitenkarte. „Sind Sie von Interpol?“ fragte der Beamte.             „Nicht unbedingt, meine Firma arbeitet für Interpol.              „Ach, interessant. Viel Glück.                   Als Manuel am Flughafen ankam, war der Flug schon gestartet. Das Foyer war menschenleer. Er ging Richtung S-Bahn. Kurz darauf stand Manuel an der Haltestelle und wartete. Die  S-Bahn kam Minuten später. Als die Tür sich öffnete und er einsteigen wollte, kam ihm Frau Gutierrez mit ihrem Koffer entgegen.    




 

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